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Nachhaltige Reitmode – gibt’s das?

Tatsächlich habe ich mich das schon häufiger gefragt – denn in meinem sonstigen Alltag versuche ich schon sehr, auf den Schutz unserer Umwelt zu achten. Aber wenn dann die Reithose zu alt, die Handschuhe kaputt waren oder eine wärmere Mütze für den Stall her musste, wanderte ich doch wieder zu den allseits bekannten Plattformen – denn dort fand ich schnell und kostengünstig Ersatz. Das schlechte Gewissen plagte mich trotzdem – wenn es doch nur einen Onlineshop geben würde, wo man guten Gewissens nachhaltige Kleidung fürs Reiten kaufen könnte…

Auf der Suche nach nachhaltiger Reitmode

Als ich die Gründerinnen von Hoofment kennenlernte, konnte ich es erst nicht richtig glauben, aber Jessica Thees und Stefanie Lubetzky haben tatsächlich umgesetzt, was die großen und bekannten Reitmodeketten bisher gar nicht auf dem Schirm hatten: Kleidung, die komfortabel für Reiter*innen zu tragen ist und aus nachhaltigen Materialien wie Bio-Baumwolle und Lyocell (Eukalyptus) hergestellt wird. Die beiden Hamburgerinnen kamen auf die Idee für ihr Start-Up aus genau denselben Gründen, die mich umgetrieben hatten – sie wollten einfach eine echte Alternative zu den herkömmlichen Shops mit Kleidung für den Pferdesport finden. Da sie alles, was es bis dahin auf dem Markt gab, nicht zufrieden stellte, nahmen sie die Sache kurzerhand selbst in die Hand und gründeten „Hoofment“. Steffi hat Damenmaßschneiderin bei einem Label für Brautmode gelernt und war während und nach ihrem Studium in „Mode- und Designmanagement“ bei einem nachhaltigen Bikinilabel für die Produktentwicklung verantwortlich. Sie kann daher die ersten Prototypen für Hoofment immer selber entwickeln und nähen. Jessi kümmert sich um die Zahlen und um alle organisatorischen Themen und verpackt außerdem alle Bestellungen. Schaut man sich heute ihren Webshop an, wirkt das alles sehr professionell – am Anfang war es jedoch mehr „learningbydoing“, wie die beiden im Interview verraten.

Interview mit Steffi & Jessi von Hoofment

Steffi & Jessi

JH: Wie hat das alles angefangen bei euch mit „Hoofment“?

Steffi: Vor gut einem Jahr hatten wir die Idee, als wir gesehen haben, dass nachhaltige Marken im Reitsportbereich fast komplett fehlen. Mein altes Kinderzimmer wurde kurzerhand als Arbeitsraum umfunktioniert und es ist auch heute noch unser Logistikzentrum, von dem aus wir die Pakete fertig machen und verschicken. In den ersten Tagen haben vor allem Freunde und Bekannte unsere Sachen gekauft und ausprobiert. Mittlerweile haben wir durch Werbung auf Instagram und anderen Plattformen viele Bestellungen dazubekommen – also Kunden, die wir tatsächlich nicht persönlich kennen. Das ist ein ganz tolles Gefühl!

Jessi: Wir sind froh, dass wir uns die Zeit nehmen können, jedem Paket eine persönlich beschriebene Karte beizulegen. Die ganze Verpackung besteht aus recycelten Materialien, die Kartons beispielsweise aus Graspapier und die Pakete werden klimaneutral verschickt. Generell produzieren wir nur kleinere Stückzahlen von unseren Produkten und bestellen lieber öfter nach, um eine Überproduktion zu vermeiden. Wir spenden auch zwei Prozent unseres Umsatzes an das Tierschutzprojekt 4 Hufe im Glück e.V. – weil uns das Thema Pferderettung sehr am Herzen liegt. Da ist es uns schon gelungen, durch die Einnahmen ein Pferdeleben vor dem Schlachter zu retten und das war natürlich ein unbeschreibliches Gefühl.

JH: Wie läuft das dann ab, wenn ihr euch ein neues Produkt – zum Beispiel den Reitpulli – ausdenkt?

Steffi: Also ich lasse mich zuerst von Stoffproben inspirieren – die bekomme ich von den Lieferanten, mit denen wir fest zusammenarbeiten. Die Vorauswahl an Stoffen, die mir gefallen, zeige ich Jessi und wir fühlen uns da durch. Dann fange ich an, am PC bis zu fünf Entwürfe zu zeichnen und die schauen wir uns zusammen an. Schließlich nähe ich einen Prototypen aus dem Material – oft entscheiden wir uns dann nochmal um. Es ist immer ein langer Prozess, bis wir das fertige Produkt haben.

Jessi: Die finalen Papierschnitte, die Steffi gemacht hat, schicken wir am Schluss zu unseren Produzenten. Wir arbeiten im Moment mit drei verschiedenen zusammen, sie sitzen in Polen und in Serbien. Von ihnen bekommen wir die fertigen Teile zum Testen zurückgeschickt. Wir planen auch, sobald es wieder möglich ist, die Produktionsstätten selber zu besuchen. Und da wollen wir unsere Follower natürlich in der Story bei Instagram mitnehmen.

Steffi & Lando

Steffi & Lando haben schon viel zusammen erlebt - 2020 musste Lando ein Auge entfernt werden, er kommt aber inzwischen sehr gut damit zurecht.

 

JH: Was man bei euch auch findet, ist Equipment fürs Pferd. Allerdings eher kleinere Teile wie Fliegenhauben und Halfterschoner. Könnt ihr noch andere nachhaltige Marken oder Gründungen empfehlen, die etwas mehr fürs Pferd bieten?

Jessi: Auf der Plattform Equizaar findet man viele Informationen zu nachhaltigen Marken im Pferdesport wie zum Beispiel zu Equimus, Fritz & Frodewin und Cxevalo und auch Hoofment wurde dort schon vorgestellt. Mit Hoofment planen wir in diesem Jahr allerdings tatsächlich, noch weitere Pferdeprodukte wie Schabracken und Abschwitzdecken herauszubringen – man darf also gespannt sein.

JH: Was habt ihr für die Zukunft sonst noch geplant mit hoofment?

Steffi: Wir wollen uns sehr gerne bei den verschiedenen Pferdemessen vorstellen, sobald das wieder geht. Bis es soweit ist, haben wir zum Glück mit unserem Instagram-Kanal die Möglichkeit, unsere Kund*innen direkt zu fragen, welche Farben ihnen zum Beispiel noch fehlen. Da kommt auch bald ein Community-Produkt, das so entstanden ist. Darauf freuen wir uns schon sehr.

Jessi: Natürlich wäre es toll, wenn wir in diesem Jahr noch auf Messen den Leuten unsere Stoffe zeigen könnten – weil das direkte Anfassen ja doch etwas anderes ist als die Kleidung nur im Video oder Foto zu sehen. Ansonsten haben wir noch vor, ein paar Influencerinnen, denen wir auf Instagram folgen und die uns inhaltlich von der richtigen Einstellung zum Konsum und vom Umgang mit dem Pferd her überzeugen, als hoofment-Botschafter zu gewinnen. Wir wollen eher wenige, dafür aber unseren Werten entsprechende Kooperationen starten. Die Namen verraten wir dann bald auf dem hoofment-Kanal!

 

Jessi mit Linda  Jessi und Linda sind schon seit 12 Jahren ein Team

 

Und wie fühlen sie sich nun an, die Sachen von hoofment?

Da Jessi und Steffi selbst ambitionierte Reiter*innen und Pferdebesitzer*innen sind, wissen sie genau, was der pferdebegeisterte Mensch klamottentechnisch braucht. Nämlich nicht viel Schnickschnack, sondern möglichst Funktionalität. Trotzdem soll die Kleidung auch elegant aussehen. So ist zum Beispiel das Funktionsshirt zum Reiten schweißabsorbierend konzipiert, klassisch und figurbetont geschnitten und in angenehm kombinierbaren Farben wie schwarz und navy zu haben.

Weil mir eine wärmende Mütze für den Winter fehlte, habe ich mir kurzerhand eine aus dem Hoofment-Shop bestellt und ich muss sagen, sie hält nicht nur, was die beiden Gründerinnen auf ihrer Seite versprechen – die Kombination aus weichem Teddy-Fleece innen und unaufgeregtem Hipster-Style außen mit dezentem Logo vorne ist mittlerweile zu meiner Lieblingsmütze geworden. Ich kann sie im Stall tragen, um dem eisigen Wind bei langen Spaziergängen mit Dynamic zu trotzen oder in der Stadt beim gerade üblichen „Corona-Spaziergang“ mit Freunden, ohne dass ich aussehe, als wäre ich gerade aus dem Stall gekommen.

Mütze von Hoofment 

Ein weiteres Accessoire, das ich außerdem bestellt habe, weil sie superpraktisch und aufgrund der Wiederverwertung auch noch nachhaltig sind: die von Steffi selbst genähten Steigbügelschoner aus Upcycling-Materialien, die sie von lokalen Einrichtungsgeschäften bekommt. Die fertigen Unikate sehen so edel aus, dass ich im Stall schon mehrfach darauf angesprochen wurde, wenn ich sie von meinem Sattel ab- oder wieder drangemacht habe. Natürlich hätte ich im Sinne der Nachhaltigkeit auch alte Socken oder Tüten verwenden können, die den Sattel vor Schmutz und Kratzern schützen. Aber die rutschen gern mal runter, wenn man den Sattel trägt, wie ich aus vorherigen Selbstversuchen weiß. Die Hoofment-Schoner sind aufgrund eines eingenähten Gummizuges perfekt darauf angepasst, am Steigbügel zu halten, und gleichzeitig lassen sie sich leicht abziehen, wenn man reiten will. Das weiche Material außen erfreut einen beim Drüberstreichen jedes Mal – vor allem, wenn man auf flauschige Stoffe steht. Und ist das jetzt alles teurer, weil aus nachhaltigen Materialien? Nicht unbedingt, würde ich sagen. Natürlich kostet das Funktions-Shirt etwas mehr als eins von der Stange. Dafür hat man aber auch länger etwas davon -  also lieber einmal gut investiert, als die „Primark“-Strategie und nach ein paar Mal Tragen in die letzte Ecke des Schranks verbannen.

Steigbügelschoner von Hoofment im Test

Das einzige, was mir bisher im Hoofment-Shop noch fehlte, war eine Reithose. Frustriert von meiner Suche nach Winter-Reitleggins, die natürlich zu Beginn des Winters alle ausverkauft waren, erzählte ich Steffi und Jessie davon. Und als hätten sie meine Gedanken erraten, verrieten sie mir, was ihr nächstes Produkt im Shop sein würde. Eine Reitleggins für den Winter! In dezentem Schwarz, mit hohem Bund und angenehm zu tragen (weich!) sowie elastisch und ausrecyceltem Polyamid (aus im Meer herumtreibenden Fischernetzen). Mittlerweile kann man das gute Stück vorbestellen – ich bin gespannt, ob die von Steffi designte Hose bald meine Lieblingsreithose werden wird...

 

Fotos von Dynamic & mir: @Rebecca Schönbrodt-Rühl / Fotos von Jessi & Steffi: @Hoofment

 

Ausblick:

Da das Thema Umweltschutz und Nachhaltigkeit im Reitsport 2021 eine noch größere Rolle spielen wird und immer mehr Pferdeleute sich in diesem Bereich engagieren, stelle ich euch im nächsten Beitrag die Initiative „Riders for Future“ vor. Dort gibt es viele richtige gute Ideen für nachhaltiges Stall-Management und kleine Veränderungen im Reiter*innen-Alltag. Stay tuned!

 

 

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