Zeigt her eure Hengste!

Eindrücke von der Hengstparade in Moritzburg

 

Am Sonntagvormittag machen wir uns von Leipzig aus auf den Weg nach Moritzburg, einem nahe bei Dresden gelegenen historischen Örtchen, das seit 1871 Herzstück der sächsichen Pferdezucht ist. Dass Pferde hier zum Alltag gehören und die Moritzburger sich perfekt auf die aus ganz Deutschland angereisten Besucher eingerichtet haben, fällt gleich ins Auge. Alles ist gut organisiert, Busse und Autos werden auf die umliegenden Felder gelotst, um ein Parkchaos im Ort zu vermeiden.

Von dort aus geht es mit zwei PS in Kremser und Kutsche weiter zum Ort des Geschehens. Kutscher und Pferde passieren entspannt enge Gassen und entgegenkommende Pferdetransporter, so dass die Fahrt nicht mehr als eine Viertelstunde dauert. Im Ortskern angekommen, sind es nur noch wenige Meter bis zu den hölzernen Einlasshäuschen, wo wir die Auswahl zwischen Stehplätzen für 10 Euro und Tribünenplätzen für 28 bzw. überdacht für 37 Euro haben. Da das Wetter mitspielt und die Sonne strahlt, entscheiden wir uns für Sitzplätze unter freiem Himmel.

Hinter den Kulissen: Polizeireiter

Bevor die Vorführungen starten, haben wir noch Gelegenheit, die Stallungen zu besichtigen und die Reiter und Pferde bei ihren Vorbereitungen zu beobachten. Von Stress oder Hektik ist bei den Gestütsmitarbeitern nichts zu bemerken. Alles läuft sehr geordnet und entspannt ab, die Geschirre glänzen in der Sonne und der ein oder andere Reiter scherzt noch mit den Besuchern, bevor er sein Pferd sattelt und auftrenst.

Pause vor dem Start

Schwere Warmblüter und Youngsters

Kaum haben wir unsere Plätze mit einem wunderbaren Blick über den nagelneuen Paradeplatz eingenommen, geht es auch schon los: Die 25. Hengstparade wird traditionell mit dem Fanfarenzug und der im Galopp gerittenen Paradepost eröffnet. Nach der Begrüßung durch Landwirtschaftsminister Frank Kupfer spielt das Sächsische Polizeiorchester historische Märsche zur Springquadrille, bei der die Hengste mit großer Elastizität und Willigkeit die naturnahen Hindernisse in immer neuen Formationen überwinden.

Im zweiten Programmpunkt zeigen die Schweren Sächsisch-Thüringischen Warmblüter, welche als Aushängeschild und Markenzeichen der Moritzburger Zucht gelten, ihr Können als eindrucksvolle Kutschpferde. Zwölf Traberwagen schweben über den Platz, wobei acht der Gespanne von Hengsten gezogen werden, die sich 2014 bereits erfolgreich im Bundeschampionat für Fahrpferde gezeigt haben.

Traberwagen

Während dunkle Gewitterwolken heraufziehen, werden die jungen Hengste, die sogenannten Remonten, in Dressur und Springen unter dem Sattel vorgestellt. Die meisten von ihnen haben Oldenburger oder Holsteiner Blut in sich, es sind aber auch zwei Araber Hengste darunter, die beim ein oder anderen Sprung ihr überschäumendes Temperament zeigen.

Junge Hengste

Wir bewundern die Gelassenheit der Reiter, welche ihre Zöglinge seit Monaten so gefördert haben, dass sie sich bei der Parade von ihrer besten Seite präsentieren können. Zweijährig kommen die jungen Pferde nach Moritzburg, dann werden sie vier Wochen behutsam am Kappzaum und der Longe an die Arbeit mit dem Menschen gewöhnt. Sie lernen Trense und Sattel kennen und werden angeritten. Im Februar müssen sie dann soweit ausgebildet sein, dass sie bei einem solchen Event präsentiert werden können.

Lange geübt haben auch die Lehrlinge des ersten Lehrjahres: Sie stehen in einer Pyramidenformation auf sechs trabenden Rheinisch-Deutschen Kaltblütern. Das 12 Meter hohe Schaubild ist ein Highlight der Hengstparade und wird von den Zuschauern mit reichlich Applaus bedacht.

Lehrlinge in Pyramidenformation

Und auch das nächste ist etwas, das man in dieser Ausprägung nur noch in Moritzburg zu sehen bekommt. Junge Hengste werden vom Sattel aus gefahren. Dabei sitzt der Reiter auf einem galoppierenden älteren Hengst, neben dem die Remonten wie vor der Kutsche traben sollen. Eine Kombination, die vom Reiter, der ja gleichzeitig Fahrer ist und mehrere Zügel in der Hand hält, höchste Konzentration und Präzision erfordert.

 

Historische Hubertusjagd und freilaufende Pferde

Geiseltal-Beagle-Meute

In die Zeiten von August dem Starken zurückversetzt fühlen wir uns beim nächsten Programmpunkt. Die Gestütsbediensteten stellen in historischen Kostümen und auf prächtig geschmückten Pferden eine prunkvolle Jagdgesellschaft nach. Hinter dem Kurfürsten auf seinem frisch voran galoppierenden Schimmelhengst folgen die Jäger mit ihren Hunden und vier adelige Frauen im Damensattel, danach ein seltener Tandemwagen und die königlich-sächsische Staatsgalesche mit Ehrengästen der Jagd. Eine andere Kutsche zieht einen Wagen mit Holzkäfig und lebendem Wildschwein darin. Das Spektakel wird perfekt, als die 46 Jagdhunde des Geiseltal Beagle Meute e.V., begleitet von ihrem Master und weiteren Jagdreitern, über den Platz stürmen. Ein wahrhaftes Vergnügen für die Zuschauer, als sich die Hunde schließlich auf Kommando eine kurze Pause am mittig aufgestellten Wassertrog gönnen. Andachtsvolle Ruhe kehrt ein, während der Falkner Hans-Peter Schaaf seinen Greifvogel über den Köpfen der Zuschauer kreisen lässt, und dieser sich schließlich die am Boden ausgelegte Belohnung holt.

Graditzer Stuten mit Fohlen

Wie schön eine freilaufende Stutenherde mit Fohlen sein kann, erleben die Besucher kurz darauf. Vom Gestüt Graditz sind die besten Zuchstuten mit den vielversprechendsten Nachkommen nach Moritzburg gekommen. Obwohl noch klein und immer neben der Mama herlaufend, erkennt man doch schon die verschiedenen Charaktere der Pferdekinder und ihre besondere Ausstrahlung.

Die haben auch die Haflingerhengste, welche zu den über 100 Hengsten gehören, die in Moritzburg zum Zuchteinsatz bereitstehen. Bei einer Quadrille zeigen sie, dass sie sowohl im Sport als auch in der Freizeit einsetzbar sind. Trotz des aufkommenden Regens folgt ein einzigartiger Programmpunkt auf den nächsten – ob Dressur-Sextett oder Mehrspänner-Fahren mit 27 Schweren Warmblütern oder auch die Vorstellung der besten Reitponyhengste im Springen.

 

 

In der Pause haben wir Gelegenheit, das reichhaltige Speisen- und Getränkeangebot zu genießen und uns noch ein wenig auf der Anlage umzusehen. Natürlich darf ein kurzer Besuch beim Barockschloss Moritzburg nicht fehlen, wo vor märchenhafter Kulisse der Kultfilm „Drei Haselnüsse für Aschenbrödel“ gedreht wurde.

 

Sportlich-elegante Hengste

Kaltblüter Planwagen Kaltblüter geritten

Der Platz bebt, als die Rheinisch-Deutschen Kaltblüter unter dem Sattel und vor dem Wagen vorgestellt werden. Die Schwergewichte waren um die Jahrhundertwende sehr begehrt und aus dem Arbeitsalltag vieler Menschen nicht wegzudenken. In Moritzburg zeigt die mittlerweile selten gewordene Rasse ihre vielseitige Einsetzbarkeit beim Holzrücken, vor Planwagen und Kutsche gespannt oder vom Pferd aus gefahren.

 

Bei der Vorstellung der Sportpferdehengste wird schnell klar, dass das Gestüt die richtige Entscheidung getroffen hat, als es die Zucht des Sächsischen Warmbluts 2003 zugunsten der des Deutschen Sportpferdes umstellte. Das Ergebnis kann sich sehen lassen: In Dressur und Springen demonstrieren die Hengste und der Wallach Lord Beauty ihre Klasse und zeigen, dass sie auf nationalen und internationalen Turnieren ganz vorne mitmischen können.

Sportpferde

Dass Hengste alles andere als Kuscheltiere sind, erfahren die Zuschauer beim nächsten Programmpunkt. Beim Vorführen der Haflingerhengste in einer Reihe nebeneinander gerät etwas aus dem Ruder und die blonden Schönheiten reißen sich los, um frei durch die Arena zu galoppieren. An sich kein Problem, nur verlieren einige ihre Halfter, was es den Lehrlingen schwerer macht, sie wieder einzufangen. Zwei der Hengste nutzen die Gelegenheit und rangeln miteinander, beißen sich und keilen aus. Die Gestütsmitarbeiter wissen, dass solche Rangkämpfe oft böse enden können und treiben sie auseinander. Nach kurzem Hin und Her ist die Herde wieder eingefangen und alle atmen erleichtert auf.

Haflinger in Reihe

Gesitteter geht es bei der anschließenden Großen Dressurquadrille zu, die die Reiter in Paradeuniform auf 25 herausgeputzten Hengsten absolvieren. Hier kann man in Perfektion gerittene Figuren und ein haargenaues Timing bewundern. Die Hengste begeistern in kraftvollem starken Trab, Traversalen und Volten.

Nicht nur für Pferdebegeisterte empfehlenswert

Zum Ende hin wird es nochmal actionreich: Zu den altbekannten Klassikern in Moritzburg gehören die "Kosakenreiterei", bei der die Reiter im vollen Galopp halsbrecherische Darbietungen zeigen, sowie das "Pushballspiel", eine Art Pferdefußball.


Einzigartig in Moritzburg ist der Abschluss der Hengstparade mit einer 16-spännigen Postkutsche. Das sächsische Landesgestüt ist das einzige Gestüt, das diese Züge seit 1966 zeigen kann, denn die Hengste der Rasse Schweres Warmblut gibt es in keinem anderen Gestüt Deutschlands. Mit dem Trompetensolo „Die Post im Walde“ werden die Besucher schließlich stilvoll nach Hause verabschiedet.

Historische Post

Wir haben nun fast 20 Schaubilder erlebt und fahren mit vielen neuen Eindrücken zurück nach Leipzig. Das Just Horse-Urteil lautet: Ein Besuch der Hengstparaden am 13. und 21. September ist sehr empfehlenswert. Nicht nur Pferdebegeisterte kommen hier auf ihre Kosten – auch wer etwas über die Geschichte Sachsens erfahren will oder mit der Familie einfach einen schönen Ausflug plant. Also, auf nach Moritzburg!

 

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