Mit Ute Holm das Cutting und Working Cowhorse erleben

Cutting – Die Königsdisziplin im Westernreiten

Nur zweieinhalb Minuten hat der Reiter beim sogenannten „Cutting“ Zeit, in eine Rinderherde hineinzureiten, sich ein Rind auszusuchen und es dann von der Herde abzutrennen (to cut = schneiden). Die wohl ursprünglichste Disziplin des Westernreitens - weil von der harten Ranch-Arbeit der Cowboys abgeleitet - ist eine Herausforderung für jeden Freizeitreiter, denn hier zeigt sich, wie gut Pferd und Reiter zusammenarbeiten. Um das Rind am Zurücklaufen zur Herde zu hindern und ihm den Weg zu versperren, sind besonders athletische Leistungen des Pferdes gefragt. Jeder Reiter muss in der vorgeschriebenen Zeit mindestens zwei Rinder arbeiten. Bei der Arbeit darf der Reiter dem Pferd keine sichtbaren Hilfen geben. Den Pferden, die für das Cutting geeignet sind, ist zwar der so genannte „Cow Sense“ angeboren – also der Instinkt, ein Rind „lesen“ zu können. Allerdings muss das Pferd schonend im Training lernen, wie es diesen richtig nutzt, um in Bruchteilen einer Sekunde vorher zu wissen, was das Rind tun wird.

Auf der Equitana 2015 hat Westerntrainerin Ute Holm mit ihrer achtjährigen American Quarter Horse-Stute „Rosie“ (richtig heißt sie „Miss Little Pepto“) und zwei jüngeren Pferden demonstriert, wie das Cutting-Training aussieht. Die Motivation, ihr Wissen und ihre mittlerweile 35-jährige Erfahrung mit den Westernpferden an ihre Schüler zu vermitteln, ist deutlich spürbar, wenn man sie live erlebt. Schon im Außenbereich vor der Halle trafen wir ihr Team, das völlig entspannt mit den Pferden über den Hänger-Parkplatz schlenderte – hier war offensichtlich keinerlei Anspannung oder Stress zu merken.

 

Die Kuh ist eine Flagge

Im Vorführring blieben die jungen Pferde und ihre Reiter auch relaxt, trotz der umherstehenden Gerätschaften und Aufbauten. So gab es eine Vorrichtung mit einem Drahtseil, an dem eine Flagge befestigt war, die ruckartig daran nach hinten gezogen wurde – ein Gespenst, das von den Youngstern zuerst skeptisch beäugt wurde. Ah, dachten wir uns, die Kuh ist also zuerst eine Flagge! Klar, schließlich kann auch der beste Westernreiter sein junges Pferd nicht sofort mit einem echten Rind konfrontieren. Denn schon die hin und her flitzende Flagge löste bei dem Nachwuchspferd ein Prusten und kurzes Erschrecken aus. Nachdem Ute Holm aber gezeigt hatte, dass es damit nichts Schlimmes auf sich hat, war die Konzentration wieder voll bei der Reiterin. Diese richtete das Pferd nun mit der Nase zur „Flaggenkuh“ aus, denn später soll das Cuttingpferd die Bewegung zuerst mit der Nase ausführen, dann mit dem Hals und so weiter.

Die Aufgabe für das Pferd bestand nun darin, immer vor der Flagge zu sein, die „Kuh“ also nicht an sich vorbei zu lassen. Wir vermuteten, dass es eine gewisse Zeit dauern würde, ehe das junge Pferd verstanden hat, wie der Hase beziehungsweise die Flagge läuft oder gezogen wird. Aufgrund des angeborenen Cow-Sense war das Quarter Horse aber schnell begeistert von dem „Spiel“ und wurde bald recht eifrig darin, die Kuh zu stoppen. Ute Holm erklärte, dass die eigentliche Arbeit nun erst beginnt, und zwar damit, dem Pferd beizubringen, dass es die Drehung beim Stoppen immer mit der Hinterhand ausführt. Einfach die Beine in den Boden stemmen und stehen bleiben reicht also nicht aus. Das Stillstehen danach ist eine der schwersten Übungen für das Cuttingpferd, denn es hat offensichtlich Spaß daran, die Kuh zu „jagen“. Für uns faszinierend zu sehen, wie intelligent und vor allem blitzschnell diese Pferderasse mitarbeitet – die schwierigste Aufgabe für den Reiter: Das Pferd möglichst selbstständig arbeiten lassen und nicht stören aber im richtigen Moment auch wieder vorgeben, was zu tun ist. Tricky!

Die Kuh hüten - Schwerstarbeit fürs Pferd

Hat das Pferd die Kuh einmal fixiert, soll der Reiter die Zügel lang lassen und möglichst entspannt nur noch im Sattel sitzen, ohne irgendwelche Hilfen zu geben, sowie sich am dort befestigten Horn festhalten – das ist auch der eigentliche Sinn dieses Extras bei Westernsätteln. Denn wenn das Pferd im nächsten Moment durchstartet, um der Kuh den Weg abzuschneiden, darf es nicht aus der Balance gebracht werden. So sitzt Ute Holm leicht nach vorne gebeugt, um ihrer Stute so viel wie möglich Bewegungsfreiheit zu geben. Die „echte“ Kuh lässt sich natürlich nicht gleich beim ersten Mal vom heranstürmenden Pferd beeindrucken und sucht einen Fluchtweg. Das Cuttingpferd muss also mindestens zehn bis fünfzehn Mal hin- und herspringen, sich immer wieder auf der Hinterhand drehen, bis die Kuh endlich einsieht, dass sie nicht weiterkommt und stehen bleibt. Diese Bewegungsabfolge ist sehr anstrengend für die Pferde und wundert es uns kaum, als Ute Holm erklärt, dass zwei Minuten Rinderarbeit ungefähr zehn Minuten Galopparbeit in der Dressur entsprechen. Nicht umsonst haben erfahrene Quarter Horses richtig viel Kondition und sind wahre Muskelpakete – gut zu erkennen an der kräftigen Hinterhand. Wer jetzt denkt, dass dieser schweißtreibende Sport die Pferde schnell verschleißt, irrt. Werden sie behutsam ausgebildet und trainiert, können Cuttingpferde bis zu einem Alter von 25 Jahren im Sport gehen.

Aber auch mit seinem Freizeitwesternpferd kann man in den Genuss von einem Trainingskurs bei Ute Holm kommen. Sie bietet nicht nur Kurse in ihrem Trainingsstützpunkt in Rottenburg an, sondern kommt auch auf andere Ranches und Höfe, um ihr Wissen weiterzugeben. Um an einem Cuttingkurs mit ihr teilzunehmen, ist allerdings ein gewisser Ausbildungsstand des Pferdes gefordert: Es sollte flüssig rückwärts gehen, 180 Grad auf der Hinterhand drehen, Seitengänge mindestens im Schritt beherrschen sowie das Anhalten aus allen drei Gangarten. Also dann, wir üben schon mal! Denn ein Wiedersehen mit der sympathischen Horsewoman steht ganz oben auf unserer Agenda.

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