Fehleranalyse: Denn entspannt reiten geht nicht ohne dich, mein Pferd.

Seit einigen Jahren habe ich mich dafür entschieden, mit Finish den Weg des Horsemanship zu gehen - bedingungslos, mit allen positiven und negativen Momenten, die dazu gehören. Ich hätte nie gedacht, dass dieser Weg so allumfassend ist, einen persönlich so stark verändern kann und einen immer wieder so nah an seine eigenen menschlichen Grenzen bringt. Sein Pferd verstehen lernen, heißt für mich: manchmal Dinge zu hören, die man nicht hören möchte, Wege gemeinsam mit seinem Pferd zu finden, Verantwortung für seinen Partner Pferd zu übernehmen, im Team Aufgaben zu lösen und immer wieder sich selbst zu reflektieren!

Wie schwer das sein kann, davon möchte ich euch im folgenden berichten:

Der Tag

An diesem Samstag war der Huforthopäde da - wenn Finish auch manchmal etwas zappelig bei ihm war, so war er es an diesem Tag nicht. Finish ließ sich seelenruhig die Hufe verschneiden und döste dabei. Das Wetter war grau und es wehte ein eisiger Wind. Da ich nichts weiter vor hatte, entschied ich mich, Finish erstmal ausführlich in seiner Paddock-Box zu putzen, während er an seinem Heu zuppelte. Es regnete nicht und so entschloss ich mich, ihm seinen Sattel aufzulegen und ein wenig mit ihm im Gelände spazieren zu gehen. Generell gehe ich sehr gern mit Finish spazieren - egal ob allein oder in Begleitung - es gibt immer wieder neue Sachen zu erkunden! Das stärkt unser Selbstbewusstsein und unser Vertrauen in einander. Außerdem fällt es mir in schwierigen Situationen vom Boden aus  noch immer leichter, seine Körpersprache zu deuten und Lösungen für Probleme zu finden.

Durch den Wind an diesem Tag verhielten sich und sahen Gegenstände anders aus als an anderen Tagen. Die Natur war viel mehr in Bewegung, die Gerüche waren intensiver. Für Pferde ist es an solchen Tagen allgemein aufregender draußen, da sie ihre Umwelt intensiver wahr nehmen und sich viel öfter ihre Fluchtinstinkte melden. Eben weil alles um sie herum viel Energie hat und sich mehr bewegt. Vielleicht rührt es auch daher, dass sich der ein oder andere Angreifer zwischen all den bewegenden Dingen gut tarnen und sich gekonnt anschleichen könnte.

Spaziergang im Gelände

So war auch Finish an diesem Tag sehr aufmerksam. Auf unserem Spaziergang überprüfte ich immer wieder, wie gut er mir zuhören konnte - ich ließ ihn mal einen Schritt rückwärtsgehen oder mal ein paar Schritte schneller und dann wieder langsamer. Durch sein Verhalten verriet er mir immer genau, wie sehr er angespannt war oder ob er völlig in sich ruhte. Konnte er Dinge nur langsam ausführen oder gar nicht, gab ich mich mit kleinen Antworten in die richtige Richtung zufrieden um ihm Sicherheit zu geben. Das hieß, ich bestand auf mein gefragtes "Zurück" - da er aber angespannt in eine andere Richtung schaute, gab ich mich mit dem kleinsten Rückwärtsschritt zufrieden. Ich ließ ihn an diesen Tagen wackelnde klappernde Straßenschilder berühren und erkunden, wobei ich immer darauf achtete, wo seine Grenzen lagen. War es zu gruselig, näherten wir uns langsam mit einem für ihn angenehmen Abstand an, so dass er diesen auf mein Nachfragen immer weiter verringern konnte. Und auch hier: mit jedem Schritt in die richtige Richtung gab ich mich kurz zufrieden, um seine Motivation zu fördern und seine natürliche Neugier positiv zu bestärken. Ich bin immer wieder erstaunt, wie schnell Pferde die Vertrauen gefasst haben von selbst bereit sind, Dinge für einen zu erkunden und zu untersuchen. Nach so viel Abenteuer ließ ich Finish zur Entspannung etwas grasen. So verstrich unser gemeinsamer Ausflug nach draußen wie im Flug und als wir entspannt wieder heimkehrten, ging ich recht unschlüssig auf den Reitplatz.

Warum unschlüssig?

- Das Wetter es war sehr windig und kalt.

- Die Pferde auf dem Hof waren recht unruhig.

- Der Boden auf dem Reitplatz war mir für Finish an diesem Tag eigentlich zu tief.

- Der Platz ist für mich und Finish immer noch eine große Herausforderung durch frühere schlechte Erlebnisse (Stürze).

- Es war so schön im Gelände und beim Huforthopäden mit Finish - mein Bauchgefühl sagte: Lass es gut sein!

- Es waren wenige Leute auf dem Platz und ICH wollte unbedingt reiten.

Auf dem Reitplatz angekommen

Und so fing ich doch mit Finish vom Boden aus an, auf dem Reitplatz zu „spielen“: Wie gut kannst du rückwärts, seitwärts, vorwärts gehen? Kannst du langsamer oder schneller? Kannst du das weiter weg von mir? Kannst du zu mir kommen? Seine Antworten verrieten mir viel! War sein Körper dabei fest und angespannt oder weich und entspannt? Kamen seine Antworten fließend, verzögert oder sehr langsam? Oder konnte er manche Dinge gar nicht für mich tun - dann war er zu aufgeregt, fühlte sich unsicher und vertraute mir in diesem Moment nur bedingt. Sofort gab ich ihm einfachere Aufgaben in meiner Nähe, um ihn zu beruhigen, welche er auch motiviert ausführte. War das Vertrauen und die Sicherheit wieder hergestellt, erhöhte ich langsam wieder die Schwierigkeit der Aufgaben und belohnte ihn mit Pausen oder Leckerli sobald er sie motiviert ausführte.

Und nun kommt der Teil, auf den ich nicht stolz bin, aber der so wichtig ist, ihn zu erkennen und zu verbessern! Obwohl Finish die Aufgaben alle ausgeführt hatte und mir auch dort schon durch seine immer wiederkehrende Zurückhaltung sein Unbehagen gezeigt hatte, ich durch frühere Erfahrungen mit ihm wusste, das er in Angst- Situationen erst nach innen flüchtet (introvertiert) und dann nach vorn flüchtet, stieg ich auf und verlangte nach kurzen Pausen relativ schnell fließende, nahezu perfekte Antworten auf meine reiterlichen Hilfen!

Warum? In erster Linie, weil ich reiten wollte und weil mein kleines bockiges inneres Menschlein sagte: So gruselig ist es doch hier gar nicht, ich kann dich beschützen - reiß dich mal zusammen! Und zu allem Übel fragte ich mein Pferd dann noch, ob es nicht mal ein bisschen aus sich rausgehen könnte, im Galopp und schickte ihn freudig nach vorn. Das tat er dann auch kurz in einem frischen Galopp und sofort öffnete er sich und die ganze angestaute Energie und Angst der letzten Minuten auf dem Reitplatz platzte aus ihm heraus und äußerte sich in einer 180°-Wendung gefolgt von wildem Gebuckel und Flucht im gestreckten Galopp. Was war passiert? Ich kenne unser beider Grenzen, habe sie aber ignoriert, um meine Bedürfnisse zu befriedigen - das ist menschlich, hat uns aber erst in diese gefährliche Situation gebracht. Finish als Pferd reagiert innerhalb seiner natürlichen Grenzen: Da er eher introvertiert ist, beginnt bei ihm die Flucht erst im stillen- er zieht sich in sich zurück. Was sich z.B. dadurch äußern, dass er nicht mehr vorwärts gehen kann oder "einfriert" - erst im allerletzten Schritt entscheiden sich solche Pferde zur Flucht, die für uns Menschen oft als völlig plötzlich wahrgenommen wird.

Mal ein Beispiel: Normalerweise hätte ich 18 Uhr Feierabend. Da ich aber die letzten Tage voll durchgezogen habe, bin ich schon 17 Uhr mit allem fertig.

A: Mein Chef kommt rein und knallt mir wortlos neue Arbeit auf den Tisch und ich sitze bis weit nach elf im Büro und fahre dann total erschöpft nach Hause. So ein Arschloch! Ergebnis: ich mache, was ich tun muss, aber nie mehr. Ich ergreife die nächste Chance und suche mir einen neuen Job oder bin ständig krank.

B: Mein Chef lobt mich und schickt mich eher heim. Danke Chef, da komme ich morgen ein bisschen eher ins Büro - wir haben doch das wichtige Meeting! Ergebnis: Ich bin motiviert, auch mal über meine Grenzen hinaus zu gehen. Ein toller Job, den ich behalten möchte und für den es sich lohnt zu arbeiten.

Ich war Chef A. Was ist also passiert? Nüchtern betrachtet: Finish hat in dieser Minute der absoluten Überforderung schlussendlich innerhalb seiner natürlichen Grenze mittels seines natürlichen Verhaltens als Fluchttier reagiert. Er hat sich dem Raubtier entledigt und ist geflohen! Er hat überlebt!

Warum hätte es nicht passieren müssen?

Ich habe in all den letzten Jahren gelernt, ihm zuzuhören und dabei seine und meine Grenzen zu erkennen und mich niemals mit Druck und Gewalt über diese einfach hinweg zu setzten. Stattdessen habe ich an ihnen mit Ruhe und Konsequenz gearbeitet und sie dabei stetig erweitert. Das heißt nicht unbedingt, dass ich Finish an diesem Tag nicht hätte reiten sollen. Allerdings steckt hier der Teufel im Detail. Es bedeutet jedoch, dass man bereit ist, in jedem Moment zu jeder Zeit bedingungslos einen Schritt zurück zu gehen, sobald man Unsicherheiten bei sich oder seinem Pferd bemerkt und erst die Basis wieder sicher zu erarbeiten, um dann wieder den nächsten Schritt zu gehen! Nach dem Prinzip nur wer läuft, kann auch rennen und nur wer sich sicher fühlt, kann auch Freude empfinden...

Es gab eine Menge Anzeichen vor seiner „ plötzlichen“ Flucht - Dinge, die er nicht tut, wenn er sich sicher fühlt, vertrauen hat und entspannt ist:

- die Aufgaben vom Boden aus, die ihm sonst leicht fallen, gingen nur schleppend oder mit mehr Druck

- fehlender Vorwärtsdrang bei der Bodenarbeit und beim reiten

- spielen am Kinnriemen (dieses Verhalten hat er vorher noch nie gezeigt)

- abruptes durchparieren beim reiten

- erstes wegrennen inkl. Buckeln beim reiten

All diese Vorzeichen habe ich wahrgenommen - das habe ich durch Horsemanship gelernt. Aber ich habe sie wissentlich ignoriert, um an mein persönliches Ziel zu gelangen: Ich wollte reiten und zwar jetzt und bitte in Vollendung und Perfektion!

Wie hätte ich reagieren können:

- Ich hätte nach dem Geländeausflug aufhören können.

- Ich hätte nach dem ersten Anzeichen der Unsicherheit einen Schritt zurück gehen können und den Tag mit einer positiven Übung am Boden oder auf dem Pferd beenden können.

- Ich hätte mich auch einfach nur drauf setzen können und gleich wieder vom Platz reiten können.

- und, und, und ...

Umso länger ich darüber nachgedacht habe, umso mehr habe ich festgestellt: Es gab unendlich viele Möglichkeiten, wie ich diesen Tag hätte positiv für mich und Finish enden lassen können! Stattdessen wollte ich mit dem Kopf durch die Wand und habe mein geliebtes Fluchttier in die Flucht geschlagen.

Und wieder musste ich feststellen: Mein Fehler! Ich danke dir Finish. WIR schaffen das, denn entspanntes Reiten geht eben nicht ohne dich :-)

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