Serie Aktivställe: Tatendrang auf dem Reiterhof Pissen

Gerade neu gedeckt strahlt uns der Schriftzug „Reiterhof“ schon aus der Ferne vom Dach der Stallungen entgegen. Stolz zeigt uns die Betreiberin des Reiterhofs Pissen die sechs neuen Paddockboxen, die gerade fertig geworden sind. Mit viel Platz und großem Auslauf bieten sie ihren Bewohnern die Möglichkeit, sich je nach Wetterlage drinnen oder draußen aufzuhalten und ihrem Bewegungsdrang täglich nachzukommen. Auch optisch machen die Anlagen etwas her: Hier sieht man sein Pferd gerne wohnen. Bis Oktober sollen noch sieben weitere dieser kleinen Einzelställe mit Auslauf dazukommen, der dazu noch überdacht wird, sowie eine Quarantänebox für kranke Pferde.
 

Das Herz des Hofes

Das Herz des Hofes ist aber der Bewegungsstall, in dem sich momentan eine gemischte Herde von 30 Stuten und Wallachen tummelt. Im Unterschied zur herkömmlichen Boxenhaltung können die Tiere hier selber entscheiden, ob sie sich drinnen im Gemeinschaftsstall oder draußen im Auslauf aufhalten wollen. Dort gibt es verschiedene Untergründe wie Gras, Stein und Holz, auf denen sich die Pferde bewegen können und die so ein natürliches Umfeld simulieren sollen. Zusätzlich ist der Zugang zur Koppel tagsüber immer für die Herde geöffnet, es herrscht also ein reges Hin- und Herlaufen – der eine steht lieber im Schatten beim Unterstand, während der andere in der Ferne grast.

Kommen neue Pferde hinzu, verbringen sie erstmal eine gewisse Zeit in einer Eingewöhnungsbox nah am Auslauf, wo sie das Geschehen beobachten können und auch gefüttert werden. Später, wenn sie die Herde stundenweise kennengelernt haben, erhalten sie ein Halsband mit einem Chip, der ihnen den Zugang zur persönlichen Kraftfutterstation ermöglicht. So wird bei dieser Haltungsform in der Herde sichergestellt, dass neben dem frei zur Verfügung stehenden Raufutter jeder sein auf sich individuell abgestimmtes Kraftfutter bekommt.

 

Pferdefreundliche Lösungen

Immer mehr Pferdebesitzer sind überzeugt von dieser Form der Haltung, die sich an den natürlichen Bedürfnissen der Huftiere orientiert. Während sich Pferde in der reinen Boxenhaltung häufig langweilen, sobald sie von der Koppel geholt werden, ist hier für 240 Euro Pension im Monat mehr Action angesagt. „Ich muss kein schlechtes Gewissen mehr haben, wenn ich mal nicht so häufig zum Pferd fahren kann.“, berichtet uns eine Einstellerin, die vor anderthalb Jahren mit ihrem Wallach nach Pissen gekommen ist. Es ist allerdings nicht so einfach, einen der begehrten Plätze im Aktivstall zu ergattern – die Warteliste ist dementsprechend lang.

Wer sich erst einmal mit einer der noch freien fünf Boxen in den historischen Stallungen begnügen kann, bekommt auch hier zu spüren, dass Janine Penzel versucht, alles so pferdefreundlich wie möglich zu gestalten. Die Boxen für die Pferde sind groß und luftig, 30 Ponys und Großpferde stehen hier teilweise zusammen und vertragen sich gut. Von früh bis in die späten Nachmittagsstunden verbringen auch sie ihre Zeit auch auf der Weide.

Ein Herz für Tiere

Auch zwei Hengste leben hier, sie gehen nachts mit den Wallachen raus auf die Koppel – eine Möglichkeit, die nicht in jedem Stall gegeben ist, der überhaupt noch Hengsthaltung praktiziert. Nicht verwunderlich: Bei der gelernten Pferdewirtschaftsmeisterin für Zucht und Haltung sowie Galopprenntraining fanden auch schon mehrere ausgediente Rennpferde ein schönes neues Zuhause oder gar neue Besitzer. Für ihre zehn eigenen Pferde bleibt im Moment nicht viel Zeit, denn die Aus- und Umbauarbeiten beanspruchen alle Kräfte. Ein paar Schritte weiter am Reitplatz erwartet uns ein buntes Treiben: Hier tummeln sich in einem Gehege mit Unterstand Hühner, Kaninchen, Ziegen, und das Hängebauchschwein Vicky. Eine kleine Arche für Tiere in Not, so kann man das Engagement der Hofbesitzerin umschreiben. Sie wohnt direkt auf dem Hof, ansonsten wäre die Pflege und Betreuung der verschiedenen Tiere gar nicht möglich.

Zuhause für Ziwa gesucht

Nur phasenweise hier zuhause ist die Hündin Ziwa, die uns aufgeregt begrüßt. Sie gehört zur Rasse der Zentralasiatischen Owtscharka und sucht über den Tierschutzverein Halle noch ein hundeerfahrenes Zuhause. Die vierjährige Hündin ist stubenrein, leinenführig und kennt dank ihrer Pflegestelle nun auch Pferde und andere Tiere. Sie braucht viel Auslauf und Geduld bei der Erziehung, denn sie hat aufgrund ihrer Vorgeschichte Angst vor Lärm und schnellen Bewegungen.

Leben und leben lassen

Auf dem idyllisch in der Mitte des Hofes gelegenen Außenplatz mit Vliesgemisch und in der 20x40 Meter großen Reithalle sieht man entspannte Pferde und Freizeitreiter beim Miteinander. Unter dem Motto „Leben und leben lassen“ kommt man sich auf dem Hof nicht groß ins Gehege, sagen uns die Pferdebesitzer.

„Wie schafft man das alles?“, fragen wir uns unterdessen und Janine Penzel antwortet: „Ich bin ja nicht alleine und sehr dankbar für die vielen helfenden Hände.“ Unterstützung erhält sie beim täglichen Ausmisten und Füttern der Tiere von einer Aushilfe, bei den Umbauarbeiten helfen ihre Eltern und Freunde der Familie mit. Einziger Wehrmutstropfen: Für ihre zehn eigenen Pferde bleibt im Moment leider nicht viel Zeit. „Wenn wir die Stallungen restauriert haben, bin ich erstmal zufrieden. Eine große Sattelkammer soll noch über einem Stall entstehen sowie ein Gruppenraum mit Bad und WC. Ist das fertig, habe ich nur noch einen Wunsch: Einen eigenen Garten, in den ich mich dann auch mal zurückziehen kann.“, sagt die sympathische Pferdefrau und lächelt. Kein Zweifel, auch das wird ihr gelingen!

 

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